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Interview mit Prof. Dr. Jörg Maywald zum Thema Kinderschutz

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Jörg Maywald ist Soziologe und arbeitet hauptberuflich als Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind. Außerdem ist er als Sprecher der National Coalition Deutschland zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention sowie als Honorarprofessor an der Fachhochschule Potsdam tätig.

Warum ist Kinderschutz aktuell wichtiger denn je?

Kinderschutz ist immer ein wichtiges Thema, aber gerade in dieser besonderen Situation ergeben sich neue Herausforderungen. Die Belastungen in den Familien sind gestiegen: Sie verbringen teilweise viele Wochen zusammen auf engstem Raum, im Spagat zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung. Viele Ängste – beispielsweise durch die schwierige, wirtschaftliche Situation oder die Sorge an Covid-19 zu erkranken – kommen hinzu. Auch die Kinder können es nur schwer aushalten, sich in einem engen sozialen Raum zu bewegen. Dies zeigt sich bei ihnen oft durch Auffälligkeiten im Verhalten: Ängste oder Reaktionen wie Wut und Trauer treten vermehrt auf. Neben den Belastungen, die es im Wesentlichen bei allen Familien gibt, sind insbesondere Alleinerziehende, Mehrkindfamilien, Menschen mit psychischen oder körperlichen Erkrankungen sowie Familien, die sich in Armutslagen befinden, besonderen Belastungen ausgesetzt. Problemverschärfend wirkt die mangelnde Förderung von Kindern während der Kita-Schließzeiten. Auch die soziale Kontrolle fällt weg. In der Kita fällt es in der Regel als erstes auf, wenn es einem Kind nicht gut geht. Momentan sind die Auswirkungen noch unsichtbar. Viele Expertinnen und Experten, inklusive mir, gehen davon aus, dass viele der entstandenen Probleme erst in den nächsten Wochen und Monaten sichtbar werden.

Welche Rolle spielen dabei pädagogische Fachkräfte in Kitas und Kindertagespflegepersonen?

Unabhängig von Corona haben pädagogische Fachkräfte eine sehr wichtige Rolle im Kinderschutz, da sie einen alltagsbezogenen Kontakt zu den Familien haben. Sie verfügen über einen guten, unbelasteten Zugang zu den Eltern. Diesen sollten sie insbesondere in der momentanen Situation, um Unterstützung und soziale Kontrolle weiterhin aufrechtzuerhalten, ganz besonders nutzen. Meine Einschätzung ist: In vielen Fällen ist es gut gelungen, den Kontakt zwischen den pädagogischen Fachkräften und den Familien zu halten. Es ist eine Menge passiert! Verweigerung, technische Hürden oder sonstige Gründe tragen jedoch auch dazu bei, dass einige Familien nicht erreicht wurden und dadurch besonders gefährdet sind. Für die Kinder bricht der Kontakt weg, der wieder neu aufgebaut werden muss. Besonders wichtig ist es, dass die Fachkräfte Türöffner sind für weitergehende Hilfen. Es geht nicht nur um die Arbeit am Kind, sondern es müssen auch Beratungsangebote vorhanden sein. Das, was ich „soziale Landkarte“ und Vernetzung im sozialen Raum nenne, ist gerade besonders wichtig.

Welche Anlaufstellen gibt es für pädagogische Fachkräfte in Kitas und Kindertagespflegepersonen, um den Kinderschutz im Auge zu behalten?

Neben Anlaufstellen außerhalb des pädagogischen Bereichs, wie den Jugendämtern, gibt es viele Anlaufstellen innerhalb des pädagogischen Bereichs. Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter, die im Kontakt mit belasteten Familien stehen – aber auch alles, was wir in Deutschland als Eltern-Kind- oder Familienzentren kennen – ist in der momentanen Situation besonders sinnvoll. Auch die Vernetzung mit den Frühen Hilfen. In jedem Jugendamtsbezirk gibt es eine zuständige Netzwerkkoordination. Das halte ich für ganz besonders wichtig. Insbesondere für die unter dreijährigen Kinder ist die Vernetzung mit anderen Stellen von besonderer Relevanz, denn je jünger ein Kind, desto gefährdeter ist es.

Wie sollten sich pädagogische Fachkräfte und Tagespflegepersonen verhalten, wenn ein Verdacht auf Kindeswohlgefährdung besteht?

Auf den Einzelfall bezogen: Proaktiv auf das betroffene Kind und seine Eltern zugehen und das Gespräch suchen, wann immer möglich. Darüber hinaus den Schutzauftrag wahrnehmen, wie er im Kinder- und Jugendhilfegesetz in § 8a vorgesehen ist. Daneben gibt es systembezogene Aspekte: Die aktuelle Situation ist ein guter Anlass, um sich als Team einer Kita mit dem Thema Kinderschutz intensiv zu beschäftigen. Jede Einrichtung sollte ein Schutzkonzept erarbeiten. Dazu gehören unter anderem ein Beschwerdeverfahren, Fortbildungen für Fachkräfte und Angebote, die Kinder stärken. Auch ein Notfallmanagement sollte es geben: Was ist zu tun, wenn etwas passiert ist? Wir müssen im Übrigen davon ausgehen, dass durch die vergangenen Wochen nicht nur in den Familien, sondern auch in der Kita zusätzliche Gefährdungslagen entstehen. Die Kinder und Fachkräfte haben durch die Corona-Zeit eine Vielzahl an unterschiedlichen Emotionen aufgebaut, die dazu beitragen können, dass Kinder untereinander übergriffig werden oder Fachkräfte grenzüberschreitend oder falsch handeln. Es muss sichergestellt werden, dass die Kita für alle Kinder ein sicherer Ort ist.

Wie sehen Sie die aktuelle Debatte zum Kinderschutz?

Gesellschaftlich braucht es eine Bewusstseinsveränderung. Wir müssen die Interessen der Kinder im Blick behalten und ihre Rechte im Grundgesetz verankern! Die Debatte rund um die Kitafragen und Corona kam mir im Vergleich zu anderen Themen deutlich zu kurz und zu spät. In der ganzen Corona-Zeit wird immer nur über Kinder, aber nie mit Kindern gesprochen. Auch sie haben sehr interessante Vorschläge, wie man beispielsweise Abstand hält. Beeindruckend fand ich die Kinderpressekonferenz in Norwegen, bei der man gesehen hat, welch kluge Fragen Kinder stellen und wie wissbegierig sie sind. Die Kinder haben die Ministerpräsidentin ihres Landes beispielsweise gefragt, ob sie selbst Angst vor Corona hat und wie sie mit dieser Angst umgeht.

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Junge mit Gitarre

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