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„Kinder müssen an digitale Medien genauso herangeführt werden wie an Schere und Stift!“

Interview mit Expertin Susanne Eggert vom Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis in München

Susanne Eggert ist stellvertretende Leiterin der Abteilung Forschung am JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis in München. Im Interview spricht sie über digitale Medien in Kitas und die Auswirkung der Corona-Pandemie auf die Digitalisierung in der Kindertagesbetreuung.

Inwiefern hat Corona die Digitalisierung der Kindertagesbetreuung vorangetrieben?

„Durch die Corona-Pandemie sind die digitalen Medien in der Kindertagesbetreuung deutlich stärker ins Blickfeld gerückt, und zwar bei allen. Die Fachkräfte wollten mit Kindern und Eltern in Kontakt bleiben. Wie das in der Praxis umgesetzt wurde, war sehr unterschiedlich.

In unserem Familienmonitoring haben alle Eltern berichtet, dass die Kita während des Lockdowns Kontakt zu ihnen aufgenommen hat – häufig über E-Mail oder Messenger. Oft wurden Materialien oder Bastelaufgaben verschickt oder Videos über die Kita oder ein Buch gesendet. Eine Fördereinrichtung für Kinder mit Hörschwierigkeiten hat zum Beispiel Videos mit Geschichten und Liedern in Gebärdensprache erstellt. Eine andere Einrichtung hat eine Kita-App eingeführt, um mit Eltern Organisatorisches zu klären und den Eltern einen Einblick in den Alltag in der Kita zu geben, in der zu der Zeit ein Notbetrieb stattfand. Einige Kitas haben außerdem Online-Elternabende veranstaltet.

Was uns aufgefallen ist: Die digitalen Medien wurden sehr wenig zur direkten Kontaktaufnahme mit Kindern genutzt. Nur eine Einrichtung hat einmal in der Woche einen digitalen Morgenkreis veranstaltet. Kinder, bei denen es technisch möglich war und deren Familien sich darauf eingelassen haben, konnten sich in einer Videokonferenz sehen und beispielsweise gemeinsam singen.“

Wie ist Ihre Einschätzung? Verankert sich das jetzt nachhaltig und welche positiven Effekte gibt es?

„Ich kann mir gut vorstellen, dass die Kommunikation mit den Eltern zukünftig verstärkt digital erfolgt. Die positiven Erfahrungen während des Lockdowns können ein Antrieb sein, zu prüfen, was für die eigene Einrichtung sinnvoll ist.

Ich kann mir auch gut vorstellen, dass weiterhin Videos produziert und eingesetzt werden. Auch der digitale Elternabend bietet große Chancen, solche Eltern zu erreichen, die zu einer Veranstaltung vor Ort nicht komme würden. Denkbar wäre auch ein hybrides Angebot. Das heißt der Elternabend findet vor Ort statt, Eltern können sich aber auch digital dazuschalten.

Was im pädagogischen Alltag von den digitalen Medien aus Corona-Zeiten bleibt, weiß ich nicht, denn in der direkten Zusammenarbeit mit den Kindern ist wenig passiert. Viele Fachkräfte haben durch Corona einen Blick über den Tellerrand gewagt. Manche haben da vielleicht etwas entdeckt, das sie nun einsetzen möchten. Das hängt aber mit der Einstellung und Haltung der einzelnen Fachkräfte und der Kita-Leitung zusammen.

Ein positiver Effekt ist, dass die Fachkräfte Erfahrungen damit gemacht haben, über Distanz mit den Familien in Kontakt zu bleiben. Wenn künftig ein Kind zum Beispiel längere Zeit krank ist, wird möglicherweise der Kontakt über digitale Wege aufrechterhalten.“

Welche Rolle sollten die Medien im Kita-Alltag spielen?

„Ich sehe drei Ebenen für die Potenziale von Medien im pädagogischen Alltag:

1. Organisation & Kommunikation: Organisatorische Aufgaben wie die Kommunikation im Team oder mit den Eltern benötigen viel Zeit, die von der Zeit für pädagogische Aufgaben abgeht. Digitale Medien können hier unterstützen und sind in vielen Kitas bereits angekommen und akzeptiert. Auch Portfolio-Ordner können digital angelegt werden. In diesem Bereich gibt es bereits gute Angebote extra für Kindertageseinrichtungen.

2. Werkzeug: Digitale Medien sollten ein Werkzeug sein und den Kindern wie Schere, Papier und Stift zur Verfügung stehen. Im Freispiel könnten sie zum Beispiel auch ein Tablet oder eine Kamera in Anspruch nehmen. Welche Medien hier geeignet sind, hängt vom Alter und Entwicklungsstand der Kinder ab. Fest steht, Kinder müssen an Medien genauso herangeführt werden wie an Schere und Stift.

3. Bildungsbereich: Der Umgang mit digitalen Medien ist ein Bildungsbereich. Kinder müssen lernen, wie sie mit digitalen Medien sicher und kompetent umgehen und wann der Einsatz von Medien sinnvoll ist. Die pädagogischen Fachkräfte haben die Aufgabe, diesen Prozess zu begleiten.

Ich würde gerne einen Appell an die Einrichtungen richten: Digitale Medien gehören heute einfach dazu. Viele Kitas sagen ‚Die Kinder nutzen Zuhause so viele Medien, die brauchen sie nicht noch in der Kita‘. Aus meiner Sicht müssen sie trotzdem eine Rolle in der Kita spielen – und zwar wohlüberlegt, um die Kinder bei der Entwicklung eines kompetenten und souveränen Umgangs mit Medien bestmöglich zu unterstützen. Die Einrichtungen sind gefordert, ein entsprechendes Konzept zu erarbeiten und zu vertreten, auch gegenüber den Eltern.

In welchen Bereichen bieten sich digitale Elemente in der Kita vor allem an?

„Zu Hause nutzen Kinder Medien meistens rezeptiv, das heißt sie schauen sich einen Film an oder spielen ein Spiel. Die vielen anderen Einsatzmöglichkeiten sind ihnen und auch den Eltern meistens nicht bekannt. Digitale Medien können zum Beispiel genutzt werden, um an Informationen zu kommen, die Bücher nicht liefern können, zum Beispiel wie sich das anhört, wenn eine Giraffe brüllt. Ein großes Potenzial der digitalen Medien liegt außerdem in ihrer kreativen Nutzung.

Im Vorschulalter eignet sich vor allem das Medium Foto. Hier gibt es viele Einsatzmöglichkeiten. Wenn die Kinder beispielsweise den Auftrag bekommen, das zu fotografieren, was ihnen in der Kita am besten gefällt, dann können die Fotos ein guter Anlass für Anschlussgespräche sein. Oder aber die Fachkräfte schicken die Kinder mit der Aufgabe los, zehn rote Dinge zu fotografieren. Anschließend sprechen sie über die Fotos und berühren dabei auch andere Bildungsbereiche wie bspw. die Wahrnehmung oder die Sprachentwicklung. Ein weiteres Beispiel sind Apps, mit denen die Kinder Bilder verfremden können, die sie davor gegenseitig von sich gemacht haben. Das macht ihnen unglaublich viel Spaß und sie verstehen gleichzeitig, dass nicht alles echt ist, was sie sehen. Wichtig finde ich auch, schon in der Kita das Thema Werbung aufzugreifen. Viele Kinder im Vorschulalter stoßen bereits auf Werbung und können sie nicht von anderen Inhalten unterscheiden. Anregungen dazu gibt es zum Beispiel unter www.kinder-onlinewerbung.de.

Wie können pädagogische Fachkräfte Eltern im Umgang mit Medien unterstützen?

„Es gibt zwar viel Material und Informationen, aber Eltern wissen oft nicht, wo sie diese finden können. Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte ist es, Eltern Tipps zu geben oder einen Elternabend zum Thema anzubieten. Pädagogische Angebote zu unterschiedlichen Medien sind zum Beispiel FLIMMO mit Blick auf Fernsehen, die Datenbank „Apps für Kinder“ des DJI (Deutsches Jugendinstitut) oder wenn es um geeignete Internetangebote für Kinder geht, das Netzwerk Seitenstark.

Wichtig ist: Wenn Eltern die Sorge haben, dass ihre Kinder sich zu viel mit Medien beschäftigen, muss dies ernstgenommen werden. Dennoch ist es auch völlig in Ordnung, wenn Kinder Medien nutzen. Dieses Rad können wir nicht mehr zurückdrehen. Kinder dürfen Medien auch nutzen, um zu entspannen, Spaß zu haben und kreativ zu sein. Aber das Verhältnis zwischen Tätigkeiten mit und ohne Medien sollte stimmen.

Hier muss auch klar sein: Eltern sind Vorbilder. Wenn digitale Medien für die Eltern sehr wichtig sind und die Kinder das ständig beobachten, dann wollen sie das auch machen, denn dann ist es ja das Normalste auf der Welt. Deshalb ist eine bewusste und reflektierte Mediennutzung der Eltern sehr wichtig.

Die Integration digitaler Medien in den pädagogischen Alltag ist für die Fachkräfte in Kitas nicht einfach. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass das Thema Medien in der Ausbildung von pädagogischen Fachkräften im frühkindlichen und vorschulischen Bereich keine große Rolle spielt. Diese fühlen sich deshalb oft nicht sicher und nicht gut für diese Aufgabe qualifiziert. Das ist ein strukturelles Problem. Es muss gewährleistet werden, dass digitale Medien in der Ausbildung verankert werden und dass es genügend Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten gibt.“

Wie gelingt die Zusammenarbeit von Eltern und pädagogischen Fachkräften im Bereich digitale Medien?

„Es ist auf jeden Fall wichtig, dass die pädagogischen Fachkräfte für die Fragen der Eltern offen sind. Sie sollten verdeutlichen: ‚Wir wissen, die digitalen Medien spielen in allen Familien eine wichtige Rolle. Wenn Sie Fragen haben, dann kommen Sie auf uns zu.‘

In einer Studie haben wir herausgefunden, dass pädagogische Fachkräfte in der Kita oft ein sehr genaues Bild davon haben, wie digitale Medien in den Familien eingesetzt werden. Und dieses Bild ist oft ein negatives. Mit dieser Einstellung auf Eltern zuzugehen, bringt nicht sehr viel. Man muss sich genau anschauen, in welchen Situationen die Medien warum genutzt werden. Die Fachkräfte sind gefordert, jede Familie einzeln in den Blick zu nehmen und sich auf Augenhöhe mit den Eltern auszutauschen. Dies ist die Basis, um die Kinder gemeinsam bei der Entwicklung eines kompetenten Medienumgangs zu fördern.“

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