Logo des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Zusatzlogo: Gezeichnetes Kind springt auf farbigen rechteckigen Blöcken.

Frühkindliche Bildung in Zeiten von Corona

Eine Kita-App? Abwaschbare Stempel? Online-Elternabend? Der Kita-Alltag gestaltet sich während der Corona-Pandemie anders als zuvor. Deshalb werden pädagogische Fachkräfte und Tagespflegepersonen gerade äußerst erfinderisch und entwickeln kreative Ideen: für die pädagogische Arbeit mit den Kindern in den Einrichtungen und zu Hause. Es gelten dabei besondere Bedingungen, die sich nach dem Infektionsgeschehen richten. Der Themenbereich „Frühkindliche Bildung in Zeiten von Corona“ unterstützt pädagogische Fachkräfte und Tagespflegepersonen mit innovativen Praxisbeispielen, Interviews und Infotexten. Die Praxisbeispiele bieten Inspiration für die Arbeit in der Krisenzeit sowie im Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen. Sie setzen neue Impulse für den Kita-Alltag.

 

Gesundheit & Bewegung, Hygiene, Kinderschutz


Experteninterview zum Umgang mit Corona-Tests in der Kindertagesbetreuung

 „Wichtig ist, dass die Kinder eine konkrete Vorstellung von der Testsituation haben.“

Illustration Text

Prof. Dr. Julian Schmitz ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Leiter der Forschungsgruppe klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Leipzig. Er leitet die psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche in Leipzig und ist im Vorstand vom Leipziger Forschungszentrum für frühkindliche Entwicklung.

 

Wie reagieren Kita-Kinder auf Corona-Tests?

„Das ist für die Kinder eine neue Situation. Den Kindern ist von ihrer Kinderärztin oder ihrem Kinderarzt bekannt, dass jemand im Nasen-Rachen-Raum Untersuchungen macht. Kinder kennen es aber meist nicht, getestet zu werden. Die Kinder reagieren darauf sehr unterschiedlich: Es gibt viele Kinder, die das interessiert und die fragen, wie das genau funktioniert. Die finden das auch spannend oder lustig. Es ist keineswegs so, dass die meisten Kinder Angst oder große Sorgen vor einem Test haben. Es gibt aber auch Kinder, die auf einen Test mit Verweigerung, Ängsten und vielleicht auch mit Wut reagieren. Es gibt im Kita-Alter die Trotzphase, in der Kinder grundsätzlich Regeln verweigern. Das kann auch den Corona-Test betreffen.

Die Ängste vor einem Test haben verschiedene Gründe. Häufig befürchten die Kinder, dass es unangenehm oder schmerzhaft sein könnte. Viele Kinder haben außerdem Angst vor der unbekannten Situation, denn sie haben noch keine genaue Vorstellung davon, was auf sie zukommt. Sie haben Angst, dass sie etwas falsch machen könnten oder es nicht richtig verstehen. Eine große Frage vor allem der älteren Kinder ist auch: Was passiert denn eigentlich, wenn der Test positiv ist? Manche Kinder haben Angst davor, selbst krank zu sein oder denken, dass sie dann sterben. Sie befürchten außerdem, dass andere Kinder sie auslachen oder ärgern könnten.“

Wie sollten pädagogische Fachkräfte mit den Ängsten der Kinder umgehen? Wie kann Kindern die Angst genommen werden?

„Unabhängig davon, ob der Test zu Hause oder in der Kita durchgeführt wird: Die pädagogischen Fachkräfte sollten auf der einen Seite ein offenes Ohr haben und auf der anderen Seite die Testsituation konkret machen, sodass die Kinder sich diese vorstellen können und ein Bild vom Ablauf im Kopf haben. Das nimmt häufig viele Ängste. Es ist wichtig, den Kindern die Hintergründe des Tests zu erklären: Es geht darum, sich und andere vor Corona zu schützen. Wichtig ist, die Fragen der Kinder zu klären und einen Raum für ihre Themen und Sorgen zu schaffen. Die Fachkräfte können ihnen zum Beispiel sagen, dass viele Kinder die Tests lustig und spannend finden, manche aber auch Sorgen haben. Dann trauen sich die Kinder eher zu sagen, was sie bewegt. Kinder haben oft Fragen, auf die Erwachsene nicht gekommen wären.

Wichtig ist, dass die Kinder eine konkrete Vorstellung von der Testsituation haben. Fachkräfte sollten gemeinsam mit den Kindern einen Fahrplan entwickeln, also genau mit ihnen besprechen, wie dieser Test abläuft. Dies gilt auch, wenn der Test zu Hause von den Eltern durchgeführt wird. Ich plädiere immer dafür, dass sich Fachkräfte und Kinder einen Test gemeinsam angucken, ihn in die Hand nehmen und demonstrieren, wie er durchgeführt wird. Fachkräfte und Kinder können sich dem auch spielerisch nähern und zum Beispiel eine Puppe testen.

Haben Kinder Angst vor einem unangenehmen Test, sollten pädagogische Fachkräfte vermitteln, dass der Test so durchgeführt wird, dass er ihnen nicht weh tut. Wenn Kinder Angst davor haben, krank zu sein, sollte erklärt werden, dass Corona für Kinder in der Regel nicht gefährlich ist und sie sich keine Sorgen machen müssen, dass sie sterben. Falls der Test in der Kita durchgeführt wird, sollten die Fachkräfte mit den Kindern auch genau besprechen, was passiert, wenn der Test positiv ist. Dass es etwas Vertrauliches ist und nicht die ganze Kita informiert wird. Es ist trotzdem nicht auszuschließen, das andere Kinder davon mitbekommen. Deshalb ist es auch sehr wichtig, dass Fachkräfte mit den Kindern in der Gruppe gemeinsam überlegen, wie sie sich dann verhalten: Was würden sie sich wünschen, wie andere reagieren sollten? Also Verhaltensregeln offen miteinander besprechen und den Kindern so Leitplanken geben.“

Bei Testungen in der Kita: Was empfehlen Sie für die Zusammenarbeit mit den Familien?

„Wenn die Tests in der Kita durchgeführt werden, haben Eltern die gleichen Fragen und Sorgen wie ihre Kinder. Zum Beispiel, ob es ihnen weh tut oder was passiert, wenn der Test positiv ist. Pädagogische Fachkräfte sollten deshalb auch den Eltern einen klaren Fahrplan kommunizieren: So läuft der Test bei uns in der Kita ab. Den Eltern sollte auch erklärt werden, dass die pädagogischen Fachkräfte die Testsituation vorher mit den Kindern besprochen haben und ein offenes Ohr für ihre Themen und Sorgen haben. Die Kommunikation zwischen Elternhaus und Kita ist ganz entscheidend. Je besser die Eltern informiert sind und eine Vorstellung davon haben, was da eigentlich passiert, desto besser können sie ihre eigenen Kinder vorbereiten. Je beruhigter die Eltern sind, desto höher ist die Chance, dass auch die Kinder entspannt sind. Denn die Kinder bekommen mit, dass die Eltern ein großes Zutrauen haben.“

Inwiefern können Eltern ihre Kinder auf Corona-Tests vorbereiten?

„Auch Eltern sollten - unabhängig davon, wo der Test durchgeführt wird - den Kindern die Testsituation genau erklären und Hands-on-Erfahrungen ermöglichen. Sie können zum Beispiel gemeinsam mit ihrem Kind einen Test bei der Apotheke kaufen, ihn öffnen, angucken, ausprobieren und sich so spielerisch nähern. Die Eltern können den Test auch vormachen. Das ist ein wichtiger Schritt.“

Wie sollten Fachkräfte bei einem positiven Ergebnis reagieren, um das Kind nicht zu verunsichern?

„Transparent und kindgerecht zu erklären, was dann auf sie zukommt - das ist sehr wichtig: „Wir haben ein positives Testergebnis. Wir rufen jetzt deine Eltern an und die holen dich gleich ab. Du musst dir keine Sorgen machen, es ist erst einmal nicht gefährlich für dich.“ Die pädagogischen Fachkräfte sollten ruhig bleiben und in der Situation gut erklären, was weiter passiert. Zum Beispiel, dass das Kind vielleicht eine Zeit zu Hause bleiben muss, wenn sich das Ergebnis bestätigt. Die pädagogischen Fachkräfte sollten die Situation möglichst normalisieren und den Kindern Zuversicht und Sicherheit vermitteln.“

Wo finden Eltern und pädagogische Fachkräfte weitere Informationen und Unterstützung zu diesem Thema?

„Wenn Kinder selbst auf Corona getestet werden, haben sie vielleicht den Bedarf, das Coronavirus noch einmal besser zu verstehen. Informations- und Beratungsangebote und kindgerechte Erklärungen finden pädagogische Fachkräfte und Eltern unter anderem auf der Internetseite psychologische-coronahilfe.de. Anregungen zum Umgang mit Ängsten finden sich zum Beispiel auf der Internetseite familienunterdruck.de.

 

Seite drucken