Logo des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Zusatzlogo: Gezeichnetes Kind springt auf farbigen rechteckigen Blöcken.

Frühkindliche Bildung in Zeiten von Corona

Eine Kita-App? Abwaschbare Stempel? Online-Elternabend? Der Kita-Alltag gestaltet sich während der Corona-Pandemie anders als zuvor. Deshalb werden pädagogische Fachkräfte und Tagespflegepersonen gerade äußerst erfinderisch und entwickeln kreative Ideen: für die pädagogische Arbeit mit den Kindern in den Einrichtungen und zu Hause. Es gelten dabei besondere Bedingungen, die sich nach dem Infektionsgeschehen richten. Der Themenbereich „Frühkindliche Bildung in Zeiten von Corona“ unterstützt pädagogische Fachkräfte und Tagespflegepersonen mit innovativen Praxisbeispielen, Interviews und Infotexten. Die Praxisbeispiele bieten Inspiration für die Arbeit in der Krisenzeit sowie im Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen. Sie setzen neue Impulse für den Kita-Alltag.

 

Digitalisierung, Fachkräfte & Kita


Die Zukunft wird zeigen, ob die ersten, positiven Berührungspunkte mit digitalen Medien während der Corona-Zeit dazu beitragen, dass Fachkräfte sich diesem Thema mehr öffnen.

Interview mit Mitarbeitenden der Stiftung Digitale Chancen zur Medienerziehung in der frühkindlichen Bildung

Illustration Text

Die Stiftung Digitale Chancen arbeitet in Kooperation mit der Stiftung Ravensburger Verlag im Forschungs- und Praxisprojekt „Medienerziehung im Dialog von Kita und Familie“ mit zehn Kitas aus Berlin, Brandenburg und Niedersachsen zusammen. Das Initiativbüro „Gutes Aufwachsen mit Medien“, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, unterstützt Eltern und pädagogische Fachkräfte bei ihrer Erziehungsverantwortung im digitalen Zeitalter.

Im Interview geben vier Mitarbeiterinnen der Stiftung Digitale Chancen Einblicke in beide Projekte. Sie sprechen über die Relevanz von frühkindlicher Medienerziehung, bestehenden Barrieren sowie den coronabedingten Digitalisierungsschub und die Chancen, die sich aus diesem ergeben: Jutta Croll (Vorstandsvorsitzende und Projektleitung „Kinderschutz und Kinderrechte in der digitalen Welt“), Caroline Walke (Co-Projektleitung Initiativbüro „Gutes Aufwachsen mit Medien“), Theresa Lienau und Elena Frense (Wissenschaftliche Mitarbeitende „Medienerziehung im Dialog von Kita und Familie“).

 

Warum ist Medienerziehung bereits in der Kita ein wichtiges Thema und wo stehen Kitas hier aktuell?

Theresa Lienau: „Medienerziehung ist seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema und auch in der frühen Bildung keine neue Forderung. Das Thema ist zunehmend in den Bildungs- und Erziehungsplänen verankert - leider tut sich in der Praxis vergleichsweise wenig. Es gibt einige „Leuchtturm-Kitas“, die die Medienerziehung gut in die Praxis integrieren, allerdings ist das Thema noch nicht in der Breite angekommen. Das sehe ich auch am gesellschaftlichen Diskurs: Viele Fachkräfte und Eltern stehen dem Einsatz von digitalen Medien in der frühkindlichen Bildung nach wie vor sehr skeptisch gegenüber. Sie sehen die Kita als Schonraum, in dem Kinder eine Auszeit von digitalen Medien erhalten sollten. Allerdings werden Kinder heute in einer digitalen Welt groß, auf die sie bereits in frühen Jahren vorbereitet werden müssen. Die pädagogischen Fachkräfte nehmen in der Medienerziehung eine Schlüsselposition ein, da sie Eltern für das Thema sensibilisieren können.“

Jutta Croll: „Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass Kinder gemäß UN-Kinderrechtskonvention Art. 17 ein Recht auf Zugang zu den Medien haben, ebenso wie ein Recht auf Bildung (Art. 28). Diese Rechte müssen auch in der frühkindlichen Bildung gewährleistet sein, die Voraussetzungen dafür sind aber nicht generell gegeben.“

Welche Barrieren bestehen derzeit in der frühen Medienerziehung? Was braucht es für eine gute Medienerziehung?

Theresa Lienau: „Die fehlende Ausstattung in Kitas wird aus meiner Sicht häufig vorgeschoben. Sie kann Fachkräfte in der Medienerziehung unterstützen, stellt anfangs jedoch nicht die zentrale Barriere dar. Medienerziehung kann auch ohne Tablet in der Kita funktionieren. Viel wichtiger ist eine aufgeschlossene Haltung der Fachkräfte und Leitungen. Sie können Kinder ermutigen, offen über ihre Erfahrungen mit Medien zu sprechen, und ihnen helfen, diese zu verarbeiten. Sie können beispielsweise mit ihnen über die Bedeutung einer Figur aus der Lieblingsserie sprechen. Dafür braucht es Fortbildungen für Fachkräfte, in denen sie den Mehrwert sowie den zielgruppengerechten Umgang mit digitalen Medien kennenlernen. Auch die Träger haben eine große Verantwortung. Sie können die Rahmenbedingungen für eine gute Medienbildung und -erziehung festlegen: beispielsweise Datenschutzrichtlinien für Fachkräfte klar formulieren, konzeptionelle Richtlinien vorgeben sowie digitale Endgeräte bereitstellen. Für Fachkräfte sollten konkrete Unterstützungsangebote geschaffen, und es sollte ihnen vermittelt werden: Wir gehen das Thema gemeinsam an! Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Es gibt bereits gute Fortbildungs- und Informationsangebote, die der Träger den Fachkräften bereitstellen kann.“

Caroline Walke: „Fachkräfte und Eltern wissen oft nicht, welche vielfältigen, guten und altersgerechten Medienangebote es gibt und wo diese zu finden sind. Dabei gilt es auch Risiken zu beachten, beispielsweise durch Kostenfallen in Apps. Orientierung für kindgerechte Apps und Webseiten bietet da zum Beispiel die Initiative „Gutes Aufwachsen mit Medien“ mit der Datenbank für Kindermedien. Akteurinnen und Akteur unserer Initiative, wie  „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht.“ oder die Kurzfilme der Deutschen Liga für das Kind „Aufwachsen in der Medienwelt - Kurzfilme zur Medienbildung in Kita und Kindertagespflege“ bieten Eltern und Fachkräften Unterstützungs- und Orientierungsangebote wie digitale Elternabende, Beratung im Chat sowie kostenlose Materialien zum Herunterladen und Bestellen.“

Inwieweit bewirkt die Corona-Pandemie einen Digitalisierungsschub in Kitas? Welche digitalen Angebote sind entstanden?

Theresa Lienau: „Was wir nicht vergessen dürfen: Viele Fachkräfte probierten digitale Tools zum ersten Mal aus. Ich sehe diesen ersten, meist positiven Kontakt mit digitalen Medien in jedem Fall als Chance für zukünftige Entwicklungen, da erste Barrieren im Umgang mit Medien abgebaut wurden.“

Elena Frense: „Dadurch, dass weniger Kinder als sonst in der Kita waren, bot sich einigen Fachkräften die Gelegenheit, neue Dinge auszuprobieren, für die ansonsten häufig die Zeit fehlt. In den Kitas, mit denen wir zusammenarbeiten, nutzen viele Fachkräfte die Zeit der Notbetreuung, um Medienerziehung in den Kita-Alltag zu integrieren und digitale Geräte zu testen. Und Fachkräfte, die im Homeoffice arbeiteten, nutzen die Zeit, um sich konzeptuell mit dem Thema auseinanderzusetzen oder an Online-Fortbildungen teilzunehmen.“

Caroline Walke: „Außerdem stieg in der Corona-Zeit und insbesondere während des Lockdowns die digitale Mediennutzung bei vielen Kindern, da alternative Freizeitgestaltungen wegfielen. Darauf haben unterschiedliche Akteurinnen und Akteure schnell reagiert und viele, kreative und informative Angebote bereitgestellt. Von Surftipps der Kindersuchmaschine Blinde Kuh, über kindgerechte Corona-News von klick-tipps bis hin zu Impulsen für kreative Fotosessions zu Hause. Der vermehrte Hinweis auf Hilfetelefone für Kinder, Jugendliche, Eltern und diese begleitende Personen gehörte natürlich auch dazu. Außerdem bietet die Stiftung Lesen, auch einer unserer Akteure, im Rahmen des Projektes #medienvielfalt speziell für Kitafachkräfte verschiedene Online-Seminare zu kreativen Aktionsideen an. Auf unserer Corona-Spezial-Website lassen sich diese Angebote für Kinder & Jugendliche, Eltern und Fachkräfte finden."  

Wie lässt sich der „Digitalisierungsschub“ nachhaltig in die Praxis transferieren?

Theresa Lienau: „Es wird sich erst noch zeigen, ob die positiven Berührungspunkte mit digitalen Medien während der Corona-Zeit dazu beitragen, dass Fachkräfte sich diesem Thema mehr öffnen. Die Mentalität gegenüber neuen Inhalten sowie der Führungsstil einer Einrichtung spielen dabei eine große Rolle. Unterschiedliche Fragen werden relevant sein: Wie selbstständig dürfen Fachkräfte neue Dinge ausprobieren? Gibt es dabei eine Fehlertoleranz oder soll der Status Quo erhalten bleiben, um möglichst wenig Chaos anzurichten?“

Jutta Croll: „Die Corona-Zeit hat im Hinblick auf digitale Medien in der frühkindlichen Bildung vielerorts einen Veränderungsprozess angestoßen. Das führt allerdings nicht automatisch zu einem dauerhaften Wandel im Umgang mit digitalen Medien. Wir erwarten, dass zukünftig seltener in Frage gestellt wird, ob digitale Medien überhaupt einen Platz in der frühkindlichen Bildung haben. Aus meiner Sicht muss der nächste Schritt sein, Medienbildung und -erziehung als Qualitätsmerkmal frühkindlicher Bildung gesetzlich zu verankern. Eine weitere Voraussetzung ist die entsprechende Qualifizierung von Fachkräften. Nur so kann gewährleistet werden, dass die Rechte von Kindern auch in einer zunehmend digitalisierten Welt respektiert und umgesetzt werden.“

Caroline Walke: Träger sowie Fachkräfte sind in der Medienbildung nicht allein. Die Vernetzung von Akteurinnen und Akteuren mit unterschiedlichen Expertisen auf lokaler Ebene ist sehr wichtig und hilfreich. Ob Bibliothek, Medienzentrum oder Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung: Sie alle können Kitas auf administrativer, infrastruktureller oder medienpädagogischer Ebene bei diesem Vorhaben unterstützen.

Mit unseren „Lokalen Netzwerken für ein Gutes Aufwachsen mit Medien“ unterstützen wir solche Netzwerke. Bundesweit bestehen verschiedene lokale Netzwerke, die sich für die Medienbildung von Groß und Klein einsetzen - beispielsweise das MEKOcloud-Netzwerk in Bremen oder „DigiKids“ in Frankfurt mit dem Schwerpunkt Medienerziehung in der Kita. Ich empfehle den Kitas: Schaut euch auf lokaler Ebene um und nutzt Synergieeffekte!“. Wir als Initiativbüro unterstützen dabei gern."

 

Seite drucken