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Willkommenskultur in der Kindertagesbetreuung

Interview mit Jens Hoffsommer

Jens Hoffsommer ist Mitglied des Expertenteams „Frühe Bildung, Betreuung und Erziehung“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). In der Regionalstelle Sachsen verantwortet Herr Hoffsommer unter anderem das Servicebüro „Qualität vor Ort“ und gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen das sächsische Programm „Willkommenskitas“. 

Viele der vor Krieg und Terror geflohenen Menschen sind noch Kinder. Wie alle Kinder haben sie einen Anspruch auf einen Platz in der Kindertagesbetreuung. Welche Besonderheiten gibt es in der Betreuung von Kindern mit Fluchthintergrund?

Bei der Betreuung von Kindern mit Fluchthintergrund gibt es einen Spannungsbogen: Auf der einen Seite gilt: Kinder sind einfach Kinder. Auf der anderen Seite müssen pädagogische Fachkräfte die besondere Lebenssituation der Kinder berücksichtigen.

Die Kinder können traumatische Erfahrungen im Herkunftsland oder auf der Flucht nach Deutschland gemacht haben, sind möglicherweise verschlossen und ziehen sich in sich zurück. Dann ist es besonders wichtig, Normalität mit den Kindern zu leben und ihnen eine Struktur anzubieten. Dies gibt ihnen Sicherheit und hilft ihnen dabei, mit der Erfahrung großer Unsicherheiten zurechtzukommen. Fluchthintergrund prägt Kinder aber auch anders: Viele von ihnen zeigen eine gewisse Stärke und die Fähigkeit der Selbstbehauptung. Sicherheit, Normalität und feste Strukturen sind außerdem nicht nur für Kinder mit Fluchthintergrund wichtig, sondern für alle Kinder. Grundsätzlich gilt bei allen Kindern: die Beziehung zu den pädagogischen Fachkräften ist für jedes Kind das A und O.

Wie können Familien mit Fluchthintergrund beim Schritt in die Kita unterstützt werden?  

Zunächst sollen die Eltern erfahren, dass es Kindertagesbetreuung gibt und ihre Kinder dort gut aufgehoben und willkommen sind. Das Kitasystem in Deutschland kann sich stark von denen anderer Länder unterscheiden. Einige Eltern sind Kitas gegenüber sehr skeptisch. Für Eltern mit Fluchthintergrund kann das Vertrauen in den Staat eine Herausforderung sein, wenn sie z.B. vor einer Staatsdiktatur geflohen sind.

Außerdem ist es für Eltern eine emotionale Herausforderung, ihr Kind in fremde Hände zu geben. Gerade nach der Erfahrung von Flucht möchten sie ihre Kinder in ihrer Nähe haben. Deswegen ist es sehr wichtig, die Eltern mitzunehmen. Sie brauchen Brücken, die es ihnen erleichtern, mit ihrem Kind in der Kita anzukommen. Ein Netzwerk rund um die asylsuchenden Familien erleichtert den Zugang zur Kindertagesbetreuung. Dazu zählen zum Beispiel das Jugendamt, Migrationsdienste, die Ausländerbehörde und eben die Kitas. Wichtig für den Schritt in die Kita sind Begegnungen mit anderen Eltern oder mehrsprachige Informationsmaterialien.

Falls eine Kita noch keine Kinder mit Fluchthintergrund betreut und dies nun plant, was würden Sie der Kita empfehlen?

Bei einem Teamtag mit dem gesamten Kita-Team oder in einer Dienstbesprechung können Fragen offen angesprochen werden, um Ängste und Sorgen zu thematisieren und abzubauen. Unsicherheiten und Fragen sollte die Kita-Leitung aufgreifen und passende Unterstützung organisieren, zum Beispiel eine praxisnahe Fortbildung oder ein Arbeitstreffen mit Experten, die ihr Wissen um Asylverfahren und Lebenssituationen der asylsuchenenden Familien in den Teams mitteilen. Die Kita sollte dann einen Alltags-Check machen, also den Kita-Alltag einmal praktisch durchlaufen und Schritt für Schritt überlegen: „Kommt ein Kind gut durch unseren Alltag, welches unsere Sprache nicht spricht oder eine andere Religion hat? Wie schaffen wir es, dass jemand, der das erste Mal zu uns kommt und unsere Sprache nicht spricht, bei uns ankommt und sich wohl fühlt?“

Anschließend sollten konkrete einrichtungsbezogene Maßnahmen geplant und umgesetzt werden. Zusätzlich gibt es zur Orientierung Arbeitshilfen, die im Internet verfügbar sind. Vieles muss nicht neu erfunden werden, sondern "nur" auf die individuelle Situation in der Kita angepasst werden.

Wie gelingt die Zusammenarbeit mit den Eltern, deren Kinder bereits in der Kita betreut werden?

Die Kitas sollten die Eltern aufklären und offen mit dem Thema umgehen. In den meisten Kitas funktioniert dies gut, sollte jedoch auch gut vorbereitet werden. Um Vorurteilen zu begegnen, kann sich das Kita-Team externe Unterstützung z.B. beim örtlichen Flüchtlingsrat oder Antidiskriminierungsorganisationen einholen. Gute Antworten auf gängige Vorurteile zum Thema Flucht und Asyl findet man auch im Internet.

Den Fragen und Vorbehalten der Eltern können die Kitas zum Beispiel im Rahmen eines normalen Elternabends begegnen. Ein Sonderelternabend würde das Thema unnötig problematisieren. Im Fokus sollten dabei immer die Kinder und zum Beispiel auch ihre Rechte stehen. Es hilft dabei immer deutlich zu machen: Wir organisieren für alle Kinder optimale Bildung, betreuung und Erziehung - egal wo sie herkommen. Die Beschäftigung mit dem Thema hilft allen Kindern.

Wie können die Kita-Teams am besten unterstützt werden?

Es ist wichtig, dem Team fachlichen Austausch und Reflexion zu ermöglichen. Das Kita-Team sollte sich über die eigenen Vorurteile bewusst sein und diese immer wieder hinterfragen. Auch die Träger sollten die Kitas unterstützen und der Kita-Leitung zum Beispiel Fortbildungsmittel sowie Fachberatung zur Verfügung stellen. Sie müssen merken, dass sie nicht alleine sind. Dazu kann auch der Austausch mit anderen Kitas dienen. Die Kita-Leitung hat wie immer die besondere Rolle, leitend voran zu gehen und einen strukturierten Teamdiskurs zu gestalten. Die pädagogischen Fachkräfte müssen gegebenenfalls auch neues Wissen aufbauen und das Wissen in den Alltag übertragen. Dafür benötigen sie Fort- und Weiterbildungen sowie regionale Unterstützungssysteme.

Wie kam es zu dem Programm „Willkommenskitas“?

Bereits im Jahr 2013 gab es beim Entstehen einer Erstaufnahmeeinrichtung in Sachsen starke Proteste. Wir fragten uns, was das mit den Kitas macht, die Kinder mit Fluchthintergrund betreuen: Wie gehen sie damit um, wenn zum Beispiel eine Erzieherin bei Protesten mitläuft, wenn Eltern Parolen rufen oder wenn Kinder andere Kinder anfeinden?

Wir haben dann die Situation von asylsuchenden Kindern in Sachsen untersucht. Hierfür haben wir Interviews mit Erzieherinnen und Erziehern, Trägervertretern, Jugendamt, Sozialamt und der Ausländerbehörde geführt. Es wurde ein deutlicher Handlungsbedarf formuliert. Das war für uns der Startschuss – 2014 wurden die ersten vier Einrichtungen Willkommenskitas. Im Juni 2015 haben wir weitere sechs Einrichtungen in das Programm aufgenommen.

Was ist das Ziel des Programms?

Wir schauen gemeinsam mit den Kitas, was Willkommenskultur in ihrer Einrichtung bedeutet. Das Programm unterstützt sie bei ihrer Entwicklung hin zu einer Willkommenskita. Es hilft nicht nur beim Umgang mit Flüchtlingskindern, sondern kommt allen Kindern zugute. Pädagogisches Ziel ist, die Bedürfnisse, Bedarfe, Themen, Fragen und Herausforderungen aller Kinder wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Für die Kinder mit Fluchthintergrund heißt es konkret: Sie haben wieder einen Ort zum Spielen, zum sicher fühlen und zum kindgerecht groß werden.  

Wie gestaltet sich das Programm?

Wir bieten den Kitas verschiedene Formate und Themen an, um sich mit der Willkommenskultur in ihrer Einrichtung zu beschäftigen. Es gibt dafür kein vorgefertigtes Curriculum. Wir fragen die Kitas zu Beginn, welche Themen sie gerade beschäftigen, wo sie besondere Herausforderungen sehen.

Dabei unterstützen wir die Kitas mit Fortbildungen und einem monatlichen Coaching. Das Coaching begleitet die Kita-Teams bei der Diskussion über die eigenen Themen, Fragen und Herausforderungen sowie bei der Übertragung von neuem Wissen in den Kita-Alltag. Außerdem bringen wir die Kitas in Netzwerken zusammen, damit sie voneinander lernen. Die Kitas erhalten von uns auch individuelle Unterstützung, zum Beispiel begleiten wir bei Bedarf Elternabende zum Thema.

Mit wem arbeiten die Willkommenskitas zusammen und wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Die Willkommenskitas arbeiten mit vielen Akteuren zusammen. Hierzu zählen die Kommune, die Leitung von Wohnunterkünften für asylsuchender Familien, Beratungsstellen, Ehrenamtliche, Eltern, Dolmetscher, Ausländerbehörde, Sozialbehörde, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter oder Psychologinnen und Psychologen. Das Netzwerk zielt darauf ab, die Willkommenskultur in den Kitas und somit auch die Willkommenskultur im Dorf oder der Stadt zu verbessern: Alle Menschen sind willkommen – egal woher sie kommen.

Die Zusammenarbeit gestaltet sich bedarfsorientiert. Wenn eine Kita ein Netzwerk aufbauen möchte, sollte sie sich fragen: „Wen kenne ich schon? Mit wem bin ich schon vernetzt? Was benötige ich noch?“ Daran sollte die Kita anknüpfen und dabei klein anfangen und zum Beispiel Kontakt zur Leitung der Wohnunterkunft für Asylsuchende aufnehmen.

Welchen Mehrwert hat Vernetzung für die Kitas?

Die Vernetzung hilft, sich gegenseitig bei den aktuellen Herausforderungen zu unterstützen und auf kurzen Wegen praktische Lösungen zu entwickeln. Die Kitas müssen in einem Netzwerk nicht alles alleine machen, sondern teilen sich die Arbeit mit ihren Netzwerkpartnerinnen und Netzwerkpartnern. Es lohnt sich, Zeit in Netzwerke zu investieren. Denn ein Netzwerk entlastet und hilft. Es geht nicht darum, sich monatlich in festen Runden zusammenzusetzen. Es reicht, voneinander zu wissen, Aufgabengebiete und Kompetenzen zu kennen und sich vielleicht einmal im halben Jahr zu treffen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Junge mit Gitarre

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Kinder mit Fluchthintergrund in der Kindertagesbetreuung

Der strukturierte Alltag und die kindgerechte Umgebung in Kitas und Tagespflegestellen erlauben Kindern mit Fluchthintergrund, sich sicher zu fühlen. Außerdem bieten Kinderbetreuungsangebote beste Voraussetzungen dafür, dass die Kinder rasch die deutsche Sprache lernen und Kontakte zu anderen Kindern knüpfen. mehr

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