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Sprachliche Bildung und Förderung für Kinder unter Drei

3. Auf Entdeckungsreise in der Welt der Kindersprache

3.3. Mehrsprachigkeit als eine Variante der frühen Sprachentwicklung

Die sprachliche Entwicklung von mehrsprachigen Kindern wird im Rahmen dieses Projektansatzes nicht als Sondersituation verstanden. Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, durchlaufen in jeder ihrer Sprachen grundsätzlich die gleichen Etappen wie Kinder, die nur mit einer Sprache groß werden. Der Experte Herr Prof. Dr. Hans H. Reich gibt dazu ausführliche Erläuterungen:

"Dies bedeutet nun aber nicht, dass sich alle Kinder gleichen Alters dieselben sprachlichen Fähigkeiten im gleichen Zeitraum aneignen. Auch der Spracherwerb einsprachiger Kinder verläuft in unterschiedlichem Tempo und nach einem je individuellen Rhythmus. Wie schnell nun die zweisprachig aufwachsenden Kinder die Entwicklungsstufen in ihrer einen und in ihrer anderen Sprache durchlaufen, hängt aber nicht nur von ihrer Persönlichkeit, sondern in entscheidendem Maße von ihren Sprachkontakten ab. Es ist grundsätzlich möglich und es kommt unter günstigen Umständen auch in der Wirklichkeit vor, dass ein Kind zwei Sprachen von Anfang mit der gleichen Geschwindigkeit und in gleichem Ausmaß erwirbt.

Normalerweise aber sind die Sprachkontakte in der einen und in der andern Sprache nach ihrem Ausmaß, ihrer persönlichen, insbesondere emotionalen Bedeutung für das Kind und nach ihrem kommunikativen und kognitiven Gehalt unterschiedlich. Darum verläuft der Erwerb zweier Sprachen in der Mehrzahl der Fälle mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Zu einem gegebenen Zeitpunkt seiner Entwicklung wird das Kind also über eine schwächere und eine stärkere Sprache verfügen. Ändern sich Ausmaß, Bedeutung und Gehalt der Sprachkontakte des Kindes, wird sich auch die Geschwindigkeit seines Erwerbs der einen oder der anderen Sprache ändern.

In der stärkeren Sprache verläuft die Entwicklung sozusagen im erwartbaren Tempo und im erwartbaren Rhythmus. In der schwächeren Sprache verläuft die Entwicklung langsamer. Die kennzeichnenden sprachlichen Erscheinungen treten später auf als bei Kindern, für die diese Sprache die stärkere oder die einzige Sprache ist. Der Wortschatz bleibt weniger umfangreich, die Regeln der Grammatik werden mit geringerer Sicherheit angewendet, Übergangsformen bleiben länger im Gebrauch. Es kann auch vorkommen, dass Ausspracheeigenheiten, Wortschatzelemente und sogar grammatische Regeln aus der stärkeren in die schwächere Sprache übernommen werden. Dies ist aber, wie schon gesagt, nicht unumkehrbar. Zusammen mit einer guten Kommunikation der Kinder im Elternhaus im Medium der Familiensprache kann eine Förderung der deutschen Sprache in der Kindertagesstätte zu einer gelingenden Zweisprachigkeit führen." (Reich 2011, S. 1f.)

In den Kapiteln zur sozial-kommunikativen und sprachlich-kognitiven Entwicklung im Praxismaterial wird der Aspekt mehrsprachigen Aufwachsens an unterschiedlichen Stellen aufgegriffen. In den Kapiteln "Laute und Prosodie", "Wörter und ihre Bedeutung" sowie "Grammatik" wird der Aspekt gesondert hervorgehoben, da mehrsprachige Kinder bei der Eroberung ihrer Sprachen in diesen drei Bereichen auch Phänomene zeigen, die sich von denen unterscheiden, die bei einsprachig aufwachsenden Kindern auftreten. Die Besonderheiten und Phänomene des Mehrsprachenerwerbs werden am Ende der jeweiligen Kapitel im Praxismaterial zu den Sprachbereichen dargestellt. Dabei wird unterschieden zwischen Kindern, die innerhalb ihrer Familie bereits mit mehreren Sprachen Erfahrung haben, und Kindern, die erst später mit einem ersten Wissen in ihrer Familiensprache vertieft in den Erwerb der deutschen Sprache einsteigen.



Erstellt von: DJI (Deutsches Jugendinstitut)



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[http://www.fruehe-chancen.de/schwerpunkt_kitas/dok/498.php] - 01.09.2014
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